ADHS und Medikation

Täglich? Wirklich? 

 
Jeden Tag eine Pille schlucken? Das klang für mich wenig verlockend, als mein Arzt es vor knapp 7 Wochen auf den Tisch brachte. Das war auch ehrlich gesagt der Grund, warum ich die Abklärung Jahre vor mich hingeschoben habe. Ich wollte keine Frau sein, die täglich angewiesen ist auf Medikamente um zu «funktionieren». Damit hatte ich auch vor über 13 Jahren meine Schwierigkeiten, als ich Antidepressiva nehmen musste, auch wenn es half und ich somit zurück ins Leben fand. Nun ja, ich gab den Ganzen eine Chance, mit folgendem Mindset «Wenn du Diabetes hättest würdest du dich auch nicht so zieren!» Schliesslich fehlt etwas in deinem Gehirn, über das du ständig stolperst!» 
Aber nur um etwas klarzustellen: Ich nehme das Methylphenidat nicht um den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen, oder um es meinen Mitmenschen so angenehm wie möglich zu machen, nein. Ich nehme es, weil es mir den Alltag erleichtert. Das muss ich so betonen, da ich vielen Menschen begegnet bin in den letzten Wochen, die folgende Idee im Kopf hatten; «Man gibt Kindern und Erwachsenen Ritalin, damit sie sich besser an ihre Umgebung anpassen. Wie z.B nicht mehr im Unterricht stören. Auch von «ruhigstellen» war die Rede. Nun ja, Methylphenidat aka Ritalin ist ein Stimulans, kein Beruhigungsmittel. 
 

Das Leben vor der Medikation 

 
Planlos geht der Plan los – so in etwa kann man meine Situation beschreiben. Ich hatte eine Idee im Kopf, doch anstatt mir einen Plan zu machen, wie ich diese Idee umsetze, verfiel ich in den blinden Aktionismus. Was grundsätzlich erst mal eine gute Sache ist, einfach mal machen. Nur birgt es viel Geld-Zeit und Ressourcenverschwendung. Ein Jahr drehte ich mich mit meinen Coachingplänen im Kreis, weil ich keinen Rahmen gefunden habe für mich. Keinen Plan hatte, keine logische Abfolge von Schritten die mich ans Ziel führen – Frauen helfen. Bevor ich mein Angebot überhaupt definiert hatte, oder das Coachingzertifikat in der Hand stand schon meine Website und so Spässchen
 
Ich bin zwar immer an meine Ziele gekommen, doch welche inneren Konflikte ich auf stündlicher Basis deswegen ausgetragen habe, das weiss nur ich. Wenn mich Menschen fragen, warum ich so eloquent und schlagfertig bin kann ich ihnen genau sagen wie das geschah: Wenn du jede Stunde harte Diskussionen gegen dich selber führst, über Jahre, wirst du zur brillianten Meisterin darin! 
 

Gruppenleitung in der Kita als reizoffene Person

Wenn du (ADHS hast und) in einer Kita Gruppenleitung bist für Kleinkinder ist das ein Kampf. Geduldig bleiben, immer fröhlich und verständnisvoll sein, den Lärmpegel ertragen, gewisse Eltern ertragen, Leistung bringen, Mitarbeiterinnen führen, den diversen Ansprüchen genügen und das immer mit dem eigenen Anspruch spitzenmässige pädagogische Arbeit zu leisten. Ich hatte die Energie dafür, bis ich keine Lust mehr hatte. Einfach aus dem Grund, weil ich gemerkt habe, ich reibe mich auf an den Jobs, die mir kaum Wertschätzung bringen. Meine Energie und meine Motivation wurde immer wieder ausgenutzt, ohne das ich persönlich irgendwie vorwärtskam. Die Pandemie war dann auch der Todesstoss für meine Studienpläne zur Sozialpädagogin. Ich wollte nie wieder eine soziale Institution betreten als Angestellte, egal in welchem Feld. 
Ich habe mich gequält, in dem ich immer mit mir selber in den Kampf gezogen bin, gegen meine nicht gut funktionierenden exekutiv Funktionen in Weiterbildungen, als Gruppenleitung und in diversen Nebenjobs, weil ich in der Kita gelangweilt war und mehr Stimulus gebraucht habe. Zum Ausgleich habe ich mir die Nächte um die Ohren geschlagen um das ganze zu betäuben, um Ruhe zu haben im Kopf, um alle Reize auszuschalten die mich unter der Woche plagten. Das macht aber auf Dauer keinen Spass und gesund ist es auch nicht. 

Redeschwall ahoi

 
Ich wurde oft vor den Kopf gestossen, denn wenn ich Menschen mag, rede ich viel. Die Grenze von Austausch zu «Ich lege dir mein Leben zu Füssen mit allen Gedanken oder zu meinem aktuellen Hyperfokus» sind fliessend. Das ist meine Art mit ihnen in Kontakt zu treten, ihnen zu zeigen, dass ich sie mag und ihnen vertraue. Manchmal schoss ich halt arg übers Ziel hinaus und klar war das manchen zu viel, was ich zwar verstand, aber dann auch wieder nicht. Ich habe heute noch nicht den Code geknackt wie man Freundschaften aufbaut als erwachsene, doch muss auch zu meiner Erleichterung sagen, dass ich seit der Diagnose viele Frauen um mich habe, die auch neurodivers sind. Wir verstehen uns, weil wir ähnlich ticken. 
 
 
 
Es gibt auch viele, viele positive Seiten 
 
Ich bin schnell zu begeistern und kann auch andere mitreissen. Wenn mich etwas interessiert, kann ich mich aber stundenlang dran hängen. Leider konnte ich diesen Hyperfokus nicht immer steuern. Allerdings verlor ich an neuen Hobbys oft genauso schnell das Interesse wie an neuen Freundschaften. Das heisst nicht, dass ich keine langjährigen Freundschaften pflegen kann, aber der Stimulus muss stimmen. Und wenn du hohe Ansprüche hast wie ich, an allem, wird es schwierig für viele Menschen diesem Tempo zu folgen. Oder eben die Stille auszuhalten, wenn ich mich wochenlang nicht melde, weil ich mit meinen Projekten zugedeckt bin und Menschen ein wenig aufhören zu existieren in meinem Kopf, wenn ich sie länger nicht mehr sehe. Das Gefühl Menschen zu vermissen, wie es andere Menschen beschreiben kenne ich nicht.
 
Wenn ich früher Ex-Freunde vermisst habe, war es das Gefühl das sie mir gaben, nicht der Mensch an sich. Das Schönste an ADHS und auch der Fluch zugleich ist die Störung der Gefühlsregulation. Wenn es für neurotypische Menschen schön ist, ist es für mich GRANDIOS, superintensiv und lang anhaltend, sehr lang anhaltend. Das bezieht sich leider auch auf die negativen Gefühle. Wie ich das Trauma meiner Kindheit überwunden habe ohne daran zu zerbrechen, ich weiss es nicht. In der ADHS-Beratung hiess es ADHS Betroffene hätten eine sehr hohe Resilienz, das wäre unser Geschenk. Und ich glaube das brauchen wir auch, sonst würden wir an der Last zerbrechen, die ADHS manchmal mit sich bringt. Die grössten Pluspunkte sind meine Neugierde und  mein Zugang zur Musik, ich höre Musik nicht nur, ich spüre sie. Sie durchdringt mich auf einer Gefühlsebene die ich nicht in Worte fassen kann. Ich liebe Sprachen und Wörter, mittlerweile, wenn wir Schweizerdeutsch dazuzählen, kann ich 4.5 fliessend. Mein Spanisch ist eingerostet, deswegen zählt das nur halb. Ich probiere mich seit Jahren auch an Italienisch und Französisch. 
 
Auch ein nettes Zusatzfeature bei ADHS: Ich habe dein Problem in 1000 Versionen durchdacht und durchleuchtet, noch bevor du deinen Satz zu Ende gesprochen hast in dem es um dein Problem ging. Und auch schon 5 mögliche Lösungen parat. Out of the box denken ist meine grösste Stärke dank ADHS, da meine Gedanken in alle Richtungen abschweifen können und ich so auf Lösungen komme, die anderen vielleicht erst gar nicht einfallen. Das ist auch der grösste Trumpf für mich als Coach,  schnelles denken, die richtigen Fragen finden, die es dir ermöglichen über deinen Horizont hinauszudenken um auf deine Lösung zu kommen
 
Das Leben mit Medikation 
 
So, nun habe ich sehr weit ausgeholt, damit du verstehst mit welchem Leidensdruck und Symptomen ich es zu tun hatte. Wobei noch nicht wirklich alles dazu gesagt wurde. Und wie mir die Medikation dabei hilft das Ganze in den Griff zu bekommen erfährst du jetzt. Seit dem ersten Tag bin ich gelassener, ich nehme aktuell 27 mg Methylphenidat, an easy Tagen an denen ich zu Hause bin reichen 18 mg. Ich habe geordnete Gedanken, das heisst wenn ich mir etwas vornehme hat die Ausführung eine logische Abfolge, ohne Ablenkung. Auch muss ich keine Kämpfe mehr mit mir führen, und mich überwinden für Tätigkeiten, mögen sie noch so klein sein. Ob putzen, einkaufen, lästige Büroarbeit, die Aufschieberitis ist weg. Ich brauche für Tätigkeiten die mir früher Tage, Wochen oder Monate verbraten haben benötige ich nur noch einen Bruchteil der Zeit. Für diese Website habe ich fast 1 Jahr gebraucht, weil ich mich ewig nicht entscheiden konnte, und 3-mal von Neuem angefangen habe. Viele Funktionen ausprobiert, verworfen, Faden verloren, anders Design gewollt, andere Farben, anders Layout und lauter solche Aktionen die mich 1 Jahr und sehr viel Geld gekostet haben. Aber: Ich habe aber dabei sehr viel über Webseitendesign und Layout gelernt!
 
Mit den Medis habe ich meinen alten Blog in 4 Tagen auf Vordermann gebracht. Newsletter die in 20 Minuten geschrieben sind, an denen ich vorher 2 Stunden dran sass, weil ich mich immer wieder ablenken liess oder meine Gedanken schweiften und ich nicht mehr wusste was ich schreiben wollte. Mein Essverhalten hat sich zum Besseren gewendet. Mehr Obst, Gemüse, superwenig Kohlenhydrate und Zucker, kaum noch Kaffe oder Koffein. Dafür habe ich grossen Durst nach Wasser. Meine Gefühle sind zwar noch intensiv, doch kann ich sie schneller loslassen, Negatives kann ich objektiv anschauen und mich davon auf der Gefühlsebene innerhalb von Minuten lösen. Ich kann nun über einen langen Zeitraum konzentriert zuhören, weil ich innerlich ruhig bin und nicht Angst haben muss, dass ich vergesse was ich sagen wollte. Ja, das Kurzzeitgedächtnis ist auch betroffen bei ADHS. Das kann ein möglicher Grund sein, warum ADHS betroffene andere unterbrechen. Wir vergessen sonst was wir  sagen wollten.
 
Ich für meinen Teil habe für heute genug «gesagt» und hoffe ich konnte dir mit meinem Erfahrungsbericht helfen. Es wurden nicht alle Symptome genannt, aber das würde hier auch den Rahmen für heute sprengen. Ein anders mal dann dazu mehr. Wenn du Fragen hast, würde ich mich freuen, wenn du mit mir in Kontakt trittst und mir eine E-Mail schickst, oder das Kontaktformular benutzt.

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